ExoVolt ordnet ein
Deutschland erzeugt immer mehr Strom aus Sonne und Wind. Damit verändert sich jedoch nicht nur die Herkunft unseres Stroms. Es verändert sich auch die Aufgabe des gesamten Energiesystems.
Denn Strom wird nicht zwangsläufig genau dann erzeugt, wenn wir ihn benötigen.
An einem sonnigen Mittag können Photovoltaikanlagen sehr große Mengen Energie bereitstellen. Einige Stunden später sinkt die Solarerzeugung deutlich – während Haushalte gleichzeitig kochen, Elektroautos laden, Wärmepumpen arbeiten und Unternehmen weiterhin Strom benötigen.
Genau an dieser Stelle kommt ein Begriff ins Spiel, der in der öffentlichen Diskussion vergleichsweise selten auftaucht, für das Verständnis der Energiewende aber entscheidend ist:
die Residuallast.
Sie zeigt vereinfacht gesagt, welcher Teil des Strombedarfs nach der Erzeugung aus Wind- und Solarenergie noch gedeckt werden muss.
Und genau deshalb hilft die Residuallast zu verstehen, warum Batteriespeicher, flexible Verbraucher, intelligente Energiemanagementsysteme und künftig auch Elektrofahrzeuge eine immer größere Rolle spielen.
Was ist die Residuallast?
Auf der Strommarktdatenplattform SMARD der Bundesnetzagentur wird die Residuallast als Netzlast abzüglich der Einspeisung aus Photovoltaik, Windenergie an Land und Windenergie auf See definiert.
Vereinfacht lautet die dort verwendete Beziehung:
Residuallast = Netzlast – Photovoltaik – Wind Onshore – Wind Offshore
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Häufig wird die Residuallast allgemein als „Stromverbrauch minus erneuerbare Energien“ beschrieben. Für eine erste Erklärung ist das verständlich, fachlich aber nicht immer präzise. Auf SMARD werden beispielsweise Photovoltaik sowie Wind Onshore und Offshore von der Netzlast abgezogen; andere erneuerbare Energieträger werden in dieser konkreten Definition nicht einfach ebenfalls abgezogen.
Die Residuallast ist deshalb kein universell identisch abgegrenzter Wert für jede denkbare Analyse. Entscheidend ist, welche Definition verwendet wird.
Für unseren Blick auf das deutsche Stromsystem orientieren wir uns an der Darstellung der Bundesnetzagentur auf SMARD.
Was sagt die Residuallast über unser Stromsystem aus?
Die Residuallast zeigt, wie viel der aktuellen Netzlast nicht durch Wind- und Solarstrom gedeckt wird.
Ist die Residuallast hoch, muss ein großer Teil der benötigten Leistung aus anderen Quellen bereitgestellt werden.
Dazu können beispielsweise gehören:
- konventionelle Kraftwerke,
- Wasserkraft oder Biomasse,
- Batteriespeicher und Pumpspeicher,
- Stromimporte,
- flexible Erzeugungsanlagen,
- oder eine zeitliche Verlagerung von Verbrauch.
Ist die Residuallast dagegen niedrig, decken Wind und Photovoltaik bereits einen großen Anteil der Netzlast.
Bei entsprechend hoher Wind- und Solarerzeugung kann die Residuallast sogar sehr klein oder negativ werden.
Wichtig ist dabei: Residuallast und Netzbelastung sind nicht dasselbe.
Eine niedrige Residuallast bedeutet nicht automatisch, dass überall im deutschen Stromnetz freie Kapazitäten vorhanden sind. Regional können trotzdem Netzengpässe entstehen – beispielsweise dann, wenn in einer Region sehr viel Solarstrom eingespeist wird, dort aber gleichzeitig nur wenig Strom verbraucht oder abtransportiert werden kann. Die Bundesnetzagentur weist beispielsweise darauf hin, dass hohe lokale PV-Einspeisungen in bestimmten Situationen Netzengpässe verursachen können.
Die Residuallast beschreibt also in erster Linie die energiewirtschaftliche Differenz zwischen Netzlast und Wind-/Solarerzeugung – nicht unmittelbar die Belastung einzelner Leitungen.
Ein typischer Tag: Warum die Residuallast ständig schwankt
Am einfachsten lässt sich das Prinzip anhand eines Sommertages verstehen.
Morgens
Die Menschen stehen auf, Unternehmen beginnen mit der Arbeit und der Stromverbrauch steigt.
Photovoltaikanlagen produzieren bereits Energie, erreichen aber noch nicht ihre maximale Leistung.
Die Residuallast kann deshalb zunächst steigen.
Mittags
Die Sonne steht hoch und Millionen Photovoltaikanlagen speisen gleichzeitig Strom ein.
Die Netzlast kann weiterhin hoch sein – aber ein großer Teil davon wird nun direkt durch Solarenergie gedeckt.
Die Residuallast sinkt.
An sehr sonnigen Tagen kann dieser Effekt besonders ausgeprägt sein.
Abends
Jetzt verändert sich die Situation erneut.
Die Sonne geht unter und die Photovoltaikerzeugung fällt innerhalb weniger Stunden stark ab.
Gleichzeitig bleibt der Verbrauch hoch oder steigt sogar: Menschen kommen nach Hause, kochen, nutzen elektrische Geräte, laden Fahrzeuge oder betreiben Wärmepumpen.
Wenn gleichzeitig wenig Wind weht, steigt die Residuallast deutlich.
Genau diese zeitliche Verschiebung zwischen Erzeugung und Verbrauch ist eine der zentralen Herausforderungen eines Stromsystems mit hohen Anteilen wetterabhängiger erneuerbarer Energien.
Ein einfaches Rechenbeispiel
Nehmen wir für eine bestimmte Stunde folgende vereinfachte Werte an:
Netzlast: 60 GW
Photovoltaik: 25 GW
Wind Onshore: 10 GW
Wind Offshore: 5 GW
Dann ergibt sich:
60 GW – 25 GW – 10 GW – 5 GW = 20 GW Residuallast
20 Gigawatt der Netzlast müssten in diesem vereinfachten Beispiel also noch durch andere Quellen oder Flexibilitäten gedeckt werden.
Einige Stunden später könnte die Situation vollkommen anders aussehen:
Netzlast: 65 GW
Photovoltaik: 2 GW
Wind Onshore: 5 GW
Wind Offshore: 3 GW
Damit steigt die Residuallast auf:
65 GW – 2 GW – 5 GW – 3 GW = 55 GW
Die Netzlast hat sich nur moderat verändert.
Die benötigte Restversorgung dagegen massiv.
Genau darin liegt die Bedeutung der Residuallast.
Die Zahlen dieses Beispiels dienen ausschließlich der Veranschaulichung und stellen keine konkrete Marktsituation dar.
Was bedeutet eine negative Residuallast?
Eine negative Residuallast entsteht in der verwendeten Betrachtung dann, wenn die Einspeisung aus Wind und Photovoltaik größer ist als die Netzlast.
Das klingt zunächst ideal: mehr erneuerbare Energie als benötigt.
Für das Energiesystem entsteht dadurch aber eine neue Aufgabe.
Der Strom muss sinnvoll genutzt werden.
Mögliche Optionen sind beispielsweise:
- Batteriespeicher laden,
- Pumpspeicher nutzen,
- Elektrofahrzeuge laden,
- industrielle Prozesse zeitlich verschieben,
- Wärme erzeugen,
- Strom exportieren,
- Elektrolyseure betreiben,
- oder im letzten Schritt Erzeugungsanlagen reduzieren.
Hier wird deutlich:
Die Energiewende besteht nicht nur darin, möglichst viel erneuerbaren Strom zu erzeugen. Entscheidend ist zunehmend, Erzeugung und Verbrauch zeitlich miteinander zu verbinden.
Warum die Residuallast den Strompreis beeinflusst
Die Residuallast spielt auch am Strommarkt eine bedeutende Rolle.
Wind- und Solarenergie haben im laufenden Betrieb sehr geringe Grenzkosten. Steht viel Wind- und Solarstrom zur Verfügung, sinkt die Residuallast.
Damit müssen häufig weniger Kraftwerke mit höheren Grenzkosten eingesetzt werden.
Das kann die Großhandelspreise senken.
Umgekehrt bedeutet eine hohe Residuallast häufig, dass zusätzliche Erzeugungsanlagen benötigt werden. Kommen dabei Anlagen mit höheren Grenzkosten zum Einsatz, kann der Marktpreis steigen.
Die Bundesnetzagentur weist ausdrücklich darauf hin, dass hohe Großhandelspreise meist mit einer hohen Residuallast korrelieren.
Wichtig ist aber das Wort „meist“.
Residuallast und Strompreis haben keine starre Eins-zu-eins-Beziehung.
Auch Kraftwerksverfügbarkeit, Brennstoffpreise, Stromimporte und -exporte, Netzsituationen sowie die Lage in europäischen Nachbarmärkten können den Preis beeinflussen.
Ein reales Beispiel aus Deutschland: 24. Juni 2026
Wie stark diese Zusammenhänge wirken können, zeigte sich am 24. Juni 2026.
Nach Angaben von SMARD erreichte der Day-Ahead-Großhandelspreis zwischen 20:45 und 21:00 Uhr 747,10 Euro pro Megawattstunde.
Tagsüber konnte ein hoher Strombedarf noch durch starke Photovoltaikerzeugung unterstützt werden. Mit dem Sonnenuntergang ging die PV-Leistung jedoch zurück. Gleichzeitig wurde nur wenig Windstrom erzeugt.
Die Residuallast stieg dadurch am Abend zeitweise auf mehr als 50 Gigawatt.
Interessant ist jedoch auch der Gegenvergleich:
SMARD weist darauf hin, dass während sogenannter Dunkelflauten im November 2025 Residuallasten von ungefähr 64 Gigawatt auftraten, während die Strompreise niedriger blieben.
Das zeigt sehr gut:
Die Residuallast ist ein wichtiger Einflussfaktor auf den Strompreis – aber nicht der einzige.
Welche Rolle spielen Batteriespeicher?
Batteriespeicher können helfen, Erzeugung und Verbrauch zeitlich voneinander zu entkoppeln.
Das Prinzip ist einfach:
Bei hoher Stromverfügbarkeit:
Speicher lädt.
Bei niedriger Stromverfügbarkeit beziehungsweise hohem Bedarf:
Speicher entlädt.
Dadurch kann Energie von einer Zeit mit hoher Erzeugung in eine Zeit mit höherem Bedarf verschoben werden.
Genau diese Flexibilität gewinnt in einem Stromsystem mit stark schwankender Wind- und Solarerzeugung an Bedeutung.
Aber: Nicht jeder Speicher arbeitet automatisch systemdienlich
Hier muss zwischen technischer Möglichkeit und tatsächlichem Betrieb unterschieden werden.
Ein klassischer Heimspeicher wird heute häufig darauf optimiert, möglichst viel selbst erzeugten Solarstrom im eigenen Haushalt zu nutzen.
Das funktioniert beispielsweise so:
Die PV-Anlage beginnt morgens Strom zu erzeugen.
Der Speicher lädt.
Ist der Speicher bereits am Vormittag voll, wird die zusätzliche PV-Leistung während der besonders ertragreichen Mittagsstunden ins Netz eingespeist.
Aus Sicht des einzelnen Haushalts kann dieses Verhalten sinnvoll sein.
Aus Sicht des gesamten Stromsystems wäre es in manchen Situationen jedoch günstiger, den Speicher bewusst erst während der besonders starken Solarerzeugung zu laden.
Agora Energiewende beschreibt genau dieses Problem: Heimspeicher werden heute überwiegend zur Optimierung des individuellen Eigenverbrauchs eingesetzt. Das technisch vorhandene Flexibilitätspotenzial für eine stärker markt- oder netzdienliche Nutzung wird bislang nur teilweise ausgeschöpft.
Die nächste Generation von Speichersystemen muss deshalb zunehmend nicht nur wissen:
„Wie viel Solarstrom produziert mein Dach?“
sondern auch:
„Wann ist Energie verfügbar, wann wird sie benötigt und wann sollte gespeichert oder verbraucht werden?“
Vom Batteriespeicher zum intelligenten Energiesystem
Genau hier beginnt die nächste Entwicklungsstufe.
PV-Anlage, Batteriespeicher, Wallbox und Wärmepumpe können nicht länger nur als voneinander unabhängige Geräte betrachtet werden.
Sie werden Bestandteile eines gemeinsamen Energiesystems.
Ein Home Energy Management System – HEMS kann beispielsweise Daten aus verschiedenen Komponenten zusammenführen:
- aktuelle PV-Erzeugung,
- Stromverbrauch des Hauses,
- Ladezustand des Batteriespeichers,
- Ladebedarf des Elektroautos,
- Verbrauch der Wärmepumpe,
- Netzbezug,
- Einspeisung,
- Strompreise.
Aus diesen Informationen kann das System entscheiden, wann Energie erzeugt, gespeichert, verbraucht oder aus dem Netz bezogen wird.
Das Ziel verschiebt sich damit von:
„Möglichst viel eigenen Solarstrom nutzen“
zu:
„Energie zum richtigen Zeitpunkt möglichst intelligent nutzen.“
Dynamische Stromtarife machen Zeit plötzlich wertvoll
Diese Entwicklung wird durch dynamische Stromtarife zusätzlich interessant.
Bei einem dynamischen Stromtarif orientiert sich der Arbeitspreis an den Börsenstrompreisen und kann sich deshalb mehrfach täglich verändern.
Seit 2025 müssen alle Stromlieferanten in Deutschland dynamische Stromtarife anbieten. Für die Nutzung eines solchen Tarifs ist ein intelligentes Messsystem erforderlich.
Damit entsteht erstmals auch für viele Haushalte ein direkter wirtschaftlicher Anreiz, Stromverbrauch zeitlich zu verschieben.
Ein Batteriespeicher könnte beispielsweise zu günstigen Zeiten geladen werden.
Ein Elektroauto könnte automatisch dann laden, wenn Strom besonders günstig verfügbar ist.
Eine Wärmepumpe könnte bestimmte Betriebsphasen verschieben.
Die Bundesnetzagentur nennt intelligente Messsysteme deshalb ausdrücklich als Grundlage für dynamische Tarife und für die bessere Steuerung flexibler Verbraucher und dezentraler Erzeuger.
Damit wird aus einem abstrakten Begriff wie Residuallast plötzlich ein Thema, das langfristig auch den privaten Haushalt betrifft.
Residuallast verständlich zusammengefasst
Die Residuallast gehört zu den wichtigsten Größen, um ein zunehmend erneuerbares Stromsystem zu verstehen.
Sie beschreibt nach der auf SMARD verwendeten Definition den Teil der Netzlast, der nach Abzug der Einspeisung aus Photovoltaik sowie Wind Onshore und Offshore verbleibt.
Hohe Residuallast
Wind und Solar decken nur einen kleineren Teil der Netzlast. Andere Energiequellen und Flexibilitäten werden stärker benötigt.
Niedrige Residuallast
Wind und Solar decken einen großen Teil der Netzlast.
Negative Residuallast
Wind- und Solarerzeugung übersteigen in der betrachteten Definition die Netzlast.
Je stärker wetterabhängige erneuerbare Energien das Stromsystem prägen, desto wichtiger werden Lösungen, die Energie zeitlich verschieben können.
Dazu gehören Batteriespeicher, flexible Verbraucher, intelligente Energiemanagementsysteme und perspektivisch auch bidirektional eingebundene Elektrofahrzeuge.
ExoVolt Fazit: Energie muss nicht nur erzeugt, sondern intelligent genutzt werden
Die Residuallast macht eine zentrale Herausforderung der Energiewende sichtbar:
Stromerzeugung und Stromverbrauch finden nicht automatisch zur gleichen Zeit statt.
Mehr Photovoltaik und Windkraft lösen einen wichtigen Teil der Aufgabe – die Erzeugung sauberer Energie.
Die nächste Aufgabe besteht darin, diese Energie zum richtigen Zeitpunkt verfügbar zu machen.
Speicher können Erzeugung zeitlich verschieben.
Smart Meter schaffen Transparenz.
Dynamische Tarife können wirtschaftliche Signale liefern.
Energiemanagementsysteme können Komponenten intelligent koordinieren.
Und bidirektional angebundene Elektrofahrzeuge könnten künftig einen weiteren Baustein dieser flexiblen Energiewelt darstellen.
Was im deutschen Stromsystem im Großen geschieht, findet damit zunehmend auch im Eigenheim im Kleinen statt:
Energie erzeugen. Energie speichern. Energie intelligent nutzen.
Genau darin liegt eine der entscheidenden Entwicklungen der kommenden Jahre.
Energie neu gedacht. Von ExoVolt.